HERRCHENS FRAUCHEN + ANTJE BASEDOW „Parole Schnulli- dem Nachwuchs keine Chance“

In einer Zeit, in der ein immer wichtiger werdender Konkurrenzfaktor in wirtschaftlich globalisierten Zusammenhängen der sogenannte „Sozialtransfer“ ist, rückt auch die Bildung in den Focus ihrer industriellen Verwertbarkeit . Den Volkshochschulen werden die öffentlichen Zuschüsse gestrichen, das Bildungswesen wird zunehmend privatisiert, und die Wirtschaft behält sich im Gegenzug vor, das für ihre Zwecke verwertbare „Humankapital“ an entsprechenden Elitezentren heranzubilden.

Aber: Ist, was die Spitzen der Gesellschaft für richtig halten, notwendigerweise „böse“?

Lebenslanges Lernen-  es gibt mittlerweile eine ganze Industrie, die davon profitiert. Warum aber nicht auch profitieren, wenn alle Beteiligten etwas davon haben? Besser doch, man hilft, als wenn die bildungsfernen Schichten das zur Ausbildung gedachte Geld einfach nur vorm Fernseher versaufen, wie neulich ein SPD- Politiker messerscharf analysiert hat.

Dieses Dilemma kann linke Kabarettisten wie Gunter Schmidt und Lisa Politt nicht kalt lassen. Gerade sie begreifen ihre Arbeit auf der Bühne auch als sozialen Auftrag und werden tätig: Sie nehmen eine junge Kollegin aus der Unterschicht unter ihre Fittiche und geben ihr Tipps für einen erfolgreichen Start auf die Bretter, die so auch (irgendwann) für sie die Welt bedeuten können. Politt und Schmidt lassen nichts unversucht, um der Kollegin mit guten Ratschlägen den Weg auf die Bühne zu ebnen –  oft genug auch gegen den Widerstand ihrer Vorurteile (auch als selbstbewußte junge Frau beispielsweise vergibt man sich schließlich nichts, wenn man dem Negativ- Image der Emanzen charmant etwas durch dezente Schminke und ansprechende Kleidung entgegensetzt- um dann inhaltlich selbstverständlich hart und kompromisslos zu bleiben).

Dabei nutzen sie das lange am Markt etablierte Label „HERRCHENS FRAUCHEN“, um mit dem Mittel der Corporate Identity ein Image Transfer einzuleiten, der letztlich zu einer Win- Win – Situation führen wird: Die Verbindung wird Herrchens Frauchen, diesem nicht altern wollenden Geheimtipp des Kabaretts, endlich jüngeres Publikum in die Räume schwemmen, während die Jüngere zukünftig mit den anderen Beiden in einem Atemzug wird genannt werden müssen. Dass diese für die hochqualifizierte Ausbildung kaum etwas zahlen muss, ist eine Tatsache, die HERRCHENS FRAUCHEN als tätiges Zeichen der Solidarität selbstverständlich finden und medial eigentlich auch nicht verbreitet werden soll- zu bescheiden sind die beiden Altlinken, die unbedingt  vermeiden wollen, dass dieses beispielhafte Tun zur  billigen PR- Aktion verkommt.  Was Politt und Schmidt sich dafür zahlen lassen, dass Basedow für sie die Arbeit macht, bleibt also ähnlich im Dunkeln wie bei Jung&Matt.

– Gut, manchmal gehen die Beiden in ihrer Grossherzigkeit auch zu weit: Als sie die Jüngeren mit der ehrenvolle Aufgabe betrauen, das gemeinsame Stück vollkommen selbsttätig zu schreiben, geht das trotz des Fleisses der Praktikantin daneben: Alle gut gearbeiteten Gags, die intelligenten Pointen, jede noch so ausgefeilte Dramaturgie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Jüngeren dann eben doch eines fehlt: Der politisch kritisch- aufgeklärte Geist der 68er. Den ihr immer und immer wieder in langen Vorträgen nahezubringen werden die beiden Altlinken nicht müde, während die Praktikantin ihnen begeistert an den Lippen hängt und zum Ausgleich für ihre Mühe Kaffee kocht, Rotwein bringt und ihnen am nächsten Tag beim Aufstehen hilft.

Die mittlerweile 16. (Co-) Produktion von Herrchens Frauchen:

Ein Stück über Ausbildungskonzepte und Generation Praktikum. Zwei  Kabarettistinnen prallen aufeinander. Beide verbergen ihre wirklichen Beweggründe für ihre berufliche Motivation so energisch wie vergeblich. Die eine will in Wirklichkeit immer noch die Titelrolle aus „Fame“ (und zwar Leroy) spielen, um endlich dem Trauma ihrer schwer gestörten Kindheit zu entrinnen, die andere hat ihre Ideale von einst in Wirklichkeit längst aufgegeben und geht nur noch auf die Bühne, um genug Geld für ihre unkontrollierbaren Kaufrausch- Anfälle zu haben. Schmutz, Intrige, Neid und Mordlust, so mühsam wie wirkungslos verborgen unter „weiblicher Solidarität“ und getragen von der Angst vor’m Alter (Politt), der Angst vor’m Abstieg in die Sozialhilfe (Basedow) und der Angst, zwischen diesen beiden Frauen zerquetscht zu werden (Schmidt: ob und wie er sich in diesem durch Anspruch auf Solidarität verdonnerten und schwer auf Konkurrenz getrimmten Spannungsfeld wird behaupten können,  wird sich zeigen)- kurz: Ein vergnüglicher Abend kurzweiliger Unterhaltung, gewürzt mit musikalischen Attacken auf das kleinbürgerliche Verständnis tonaler Musik.

Ob nun Lisa Politt und Gunter Schmidt der jungen Kollegin wirklich etwas beibringen wollen oder nur Erklärungen für ihr eigenes Scheitern suchen, ob sie nun durch ihre Tipps den Nachwuchs letztlich fördern oder  lediglich die Konkurrenz ausschalten wollen- das wird man am Ende des Stückes möglicherweise genauso wenig wissen wie bei den anderen im Umlauf befindlichen Ausbildungsprogrammen.

Am Schluss dieses mit musikalischen Ausfällen gewürzten Programmes wird es jedoch sein wie immer: Alle wichtigen Probleme zum Thema sind abschliessend gelöst, Kranke werden geheilt, Zerstrittene versöhnt sein und alle glücklich singend Arm in Arm nach Hause gehen. Bestimmt.

Seien Sie auf alle Fälle dabei, wenn Herrchens Frauchen ihre junge Kollegin Antje Basedow einschwören auf die Goldenen Regeln des Schaustellergewerbes wie:

  • „Wer probt, kann nichts“,
  • „Lieber einen guten Freund verraten als einen Gag auslassen“ oder
  • „Der Profi klaut, der Laie kopiert“.

Denn wer weiß: Vielleicht finden auch Sie für diese erfolgversprechenden Tipps des täglichen Lebens das eine oder andere Anwendungsgebiet.

siehe auch: www.antjebasedow.de

Aufgedeckte Muster – Herrchens Frauchen mit „Fühlt euch wie zuhause“ im Neuen Cinema

Anlässlich ihres 19-jährigen Bühnenjubiläums verwandeln Herrchens Frauchen das Neue Cinema am Steindamm in ihr Wohnzimmer und laden ein: „Fühlt euch wie zuhause“ ist nicht nur die zunächst freundschaftliche Aufmunterung der beiden GastgeberInnen, sondern war auch der Titel des allerersten Bühnenstücks, mit dem die beiden Musik-KabarettistInnen 1984 auf sich aufmerksam machten.

Bereits in jener grauen Vorzeit galt das Stück zu Recht als eine messerscharfe Betrachtung heterosexueller eheähnlicher Beziehungen. Gnadenlos werden da männliche und weibliche Krisenreaktionsmuster aufgedeckt: Die Melzers liefern sich einen Beziehungskrieg vom feinsten: Claus (Gunter Schmidt), der gescheiterte Musiker, der es nur zum fischig-coolen Werbetexter brachte und dessen Gefühlswelt irgendwo zwischen Wackerstein und Wüste zu Hause ist; Evelyn (Lisa Politt), studierte Sozialpädagogin, die als friedensbewegte Hausfrau und Mutter in emotionaler Einsamkeit und Zwanghaftigkeit versinkt.

Es tut fast schon am eigenen Körper weh, wenn man Lisa Politt dabei erlebt, wie sie verzweifelt zwischen Mordgelüsten, Alkohol und dem Bemühen, eine gute Gastgeberin zu sein, oder ihren Gatten vergeblich um Zärtlichkeit und Nähe anfleht. Der erklärt den Gästen ungerührt und in völlig verquerer Übergründlichkeit die Funktionsweise seiner Zittertaler Pedal-Harfe.

Nicht nur textlich ist dieses Erstlingswerk äußerst treffsicher. Auch die schauspielerische Leistung ist famos. Immer wieder laufen die Szenen wie in Stereo ab: Während Evelyn auf der einen Bühnenseite einen Nervenzusammenbruch erleidet, bemüht sich Claus auf der anderen Seite, mit Anekdoten die Gäste zu unterhalten und geht dabei bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen. Spätestens hier wird klar, das Fühlt euch wie zuhause eher als Drohung, denn als nette Einladung zu verstehen sein könnte.

So bitterböse und grausam das Ganze ist – Herrchens Frauchen wären nicht Herrchens Frauchen, wenn das alles nicht auch zum Schreien komisch wäre: ein Witz, der nicht auf Kosten Dritter geht. Und es passt auch, dass das Stück zum Jubiläum im Neuen Cinema stattfindet: Das nämlich zeigt sich als überaus geeignete kleine, feine Kabarettbühne und trägt wesentlich bei zur nötigen Atmosphäre.

DIRK SEIFERT

bis zum 8. Juni tägl. außer Mo., 20 Uhr, Neues Cinema
taz Hamburg Nr. 7066 vom 30.5.2003, Seite 23, 81 Zeilen (Kommentar), DIRK SEIFERT,

Lisa Politt nimmt Rache

„Rache“ heißt die neue Produktion des hinlänglich bekannten Kabarett-Duos „Herrchens Frauchen“. Seit ihrem Solo „Marika Rökk und ich – eine Zwangsvorstellung“ ist Lisa Politt das erste Mal wieder allein auf der Bühne und zieht alle Register kabarettistischen Handwerks. Sie tut das nicht ohne Grund. Ihr Vorhaben in der heutigen Zeit ist aberwitzig und risikoreich, und sie erklärt es gleich am Anfang einem verdutzten männlichen Zuschauer in der ersten Reihe: „Wir Feministinnen haben ja immer gesagt, wenn wir uns Herrschaftsverhältnisse erklären wollen, müssen wir uns nur das Verhältnis zwischen Mann und Frau angucken. Also ich bin jetzt die Unterdrückte, wer sind Sie?!“

Auf dieser Ebene wird konsequent und furztrocken den ganzen Abend über eine linke Theorie durchdekliniert, ohne dass es die Mehrheit des Publikums merkt. Wirksam bleibt es dennoch. Das Gelächter gleicht oft mehr den Schmerzschreien des jäh Erkennenden als den Geräuschen, die man gemeinhin aus Bierzelten vernehmen kann- das Dargebotene ist zu wahr, um schön zu sein. Gnadenlos wird die Symptomatik herrschender Produktionsverhältnisse in ihren verschiedensten Erscheinungsformen vorgeführt: ob es nun die Sozialarbeiterin in der Rechten Szene ist, die erfreut konstatiert, dass „Laissez- Faire“ zumindest im Umgang mit den Skins eine Nische gefunden hat oder ob sie den Männern rät, sich mittels phantasievoller Nutzung der Gentechnologie den entscheidenden Vorteil am Arbeitsmarkt durch einen dritten Arm zu sichern.

Dem Spott der Politt entgeht nichts, nicht einmal sie selbst. Ihre irrwitzige Gratwanderung mit dem Charme eines intellektuellen Rasiermessers bleibt dabei immer parteilich, verbissen wühlt sie sich durch den Wahnsinn der heutigen Zeit ; saukomisch für alle, die sich wie sie über die politischen Zustände unseres Landes aus Verzweiflung nur noch totlachen können. Anarchistisch genug, um nicht im Dogma stecken zu bleiben, bleibt bei ihr meist die weiterführende Frage als die abschließende Antwort Schlusspunkt einzelner Sequenzen. Erschreckend deutlich für viele im Saal daher ihre Darstellung einer Grünen, die stolz konstatiert, bei der fehlgeschlagenen Auseinandersetzung mit dem Nazivater doch wenigstens auf dem Balkan weitergekommen zu sein als er. Bitter.- Zum Schluss dann doch der Schrei nach Solidarität und Liebe, der klarmacht, wo bei dieser Frau der Motor sitzt.

Wer nach „Rache“ auf den Geschmack gekommen ist, kann am 29. und 30. März mehr über das Wirken von Herrchens Frauchen erfahren. Dann präsentieren sie im Alma Hoppe das „Beste aus 17 Jahren“.

Dirk Seifert

 

Den Balkan schön aufgeräumt – Lisa Politt übt genüsslich “Rache”: Ein beißendes Soloprogramm des Kabarett-Duos Herrchens Frauchen

Seit ihrem Solo Marika Rökk und ich – eine Zwangsvorstellung ist Lisa Politt jetzt, mit dem Programm „Rache“ im Schmidt Theater das erste Mal wieder allein auf der Bühne. Und sie zieht alle Regis-ter kabarettistischen Handwerks. Sie tut das nicht ohne Grund. Ihr Vorhaben ist – zumal in der heutigen Zeit – aberwitzig und risikoreich, und sie erklärt es gleich am Anfang einem verdutzten männlichen Zuschauer in der ersten Reihe: „Wir Feministinnen haben ja immer gesagt, wenn wir uns Herrschaftsverhältnisse erklären wollen, müssen wir uns nur das Verhältnis zwischen Mann und Frau angucken. Also, ich bin jetzt die Unterdrückte, wer sind Sie?“

Auf dieser Ebene wird konsequent und furztrocken den ganzen Abend über eine linke Theorie durchdekliniert, ohne dass es die Mehrheit des Publikums überhaupt merkt. Wirksam bleibt es dennoch. Das Gelächter gleicht oft mehr den Schmerzschreien des jäh Erkennenden als den Geräuschen, die man gemeinhin aus Bierzelten vernehmen kann – das Dargebotene ist zu wahr, um schön zu sein. Gnadenlos werden Symptome herrschender Produktionsverhältnisse in ihren verschiedenen Erscheinungsformen vorgeführt: ob es nun die Sozialarbeiterin in der rechten Szene ist, die erfreut konstatiert, dass „Laissez-Faire“ zumindest im Umgang mit den Skins eine Nische gefunden hat, oder ob sie den Männern rät, sich mittels phantasievoller Nutzung der Gentechnologie den entscheidenden Vorteil am Arbeitsmarkt durch einen dritten Arm zu sichern.

Dem Spott der Politt entgeht nichts, nicht einmal sie selbst. Ihre irrwitzige Gratwanderung mit dem Charme eines intellektuellen Ra-siermessers bleibt dabei immer parteiisch, verbissen wühlt sie sich durch den Wahnsinn der heutigen Zeit. Und da Lisa Politt anarchistisch genug ist, um nicht im Dogma stecken zu bleiben, bildet bei ihr meist die weiterführende Frage den Schlusspunkt einzelner Sequenzen, als dass sie Antworten parat hätte. Erschreckend deutlich für viele im Saal daher ihre Darstellung einer Grünen, die angesichts der fehlgeschlagenen Auseinandersetzung mit dem Nazivater erfreut feststellt, dass sie wenigstens auf dem Balkan beim Aufräumen weitergekommen ist als er. Bitter. Zum Schluss dann doch der Schrei nach Solidarität und Liebe, der klarmacht, wo bei dieser Frau der Motor sitzt.

Dirk Seifert

noch 26.2. bis 2.3., 20 Uhr, Schmidt Theater, Tel. 31 77 88 99

Das Beste aus 17 Jahren präsentieren Herrchens Frauchen außerdem am 29. und 30. 3. in Alma Hoppes Lustspielhaus

taz Hamburg Nr. 6685 vom 25.2.2002, Seite 23, 38 Zeilen (Kommentar), Dirk Seifert,  Rezension

Kur für den Kopf – Lisa Politts linke Sprech- und Bühnenkunst

Haste schon unterschrieben?“ Die schmale Frau wirft einen auffordernden Blick über den Tresen und deutet auf die Unterschriftenliste für den Erhalt der Drogenhilfeeinrichtung Fixstern. Die meisten Gäste wissen, dass die nachdrückliche Schokoriegelverkäuferin keine andere ist als Lisa Politt. Seit vier Monaten führt die scharfzüngige Kabarettistin gemeinsam mit ihrem langjährigen Bühnen- und Lebenspartner Gunter Schmidt Hamburgs charmantestes Haus für linke Sprech- und Bühnenkunst. Im Hinterland des Hamburger Hauptbahnhofs fanden Politt und ihr Kompagnon Schmidt ihr Eldorado. Das ehemalige Kino Neues Cinema diente dem Deutschen Schauspielhaus als Nebenspielstätte, bis im April 2003 der Betrieb eingestellt wurde. Für Politt und Schmidt, die seit beinahe 20 Jahren als Kabarettduo „Herrchens Frauchen“ durch die deutschsprachige Kleinkunstlandschaft zogen, bot sich die Gelegenheit zur Sesshaftigkeit. Sie griffen zu und möbelten gemeinsam mit zahlreichen SympathisantInnen das abgewetzte Filmtheater zur kleinen, feinen Kabarettbühne auf. Als das Polittbüro am 1. September die erste Spielzeit einläutete, präsentierte es sich dem Publikum mit original türkisfarbener Kinobestuhlung und frisch gestrichenem Foyer. KabarettkollegInnen von Aprillfrisch über Fanny Müller und Nessi Tausendschön bis hin zu Corny Littmann unterstützten mit ihrem Auftritt den mutigen Schritt, in Zeiten der ewig propagierten Krise auf politisch motiviertes Theater zu setzen.

Zorn und anarchisches Lachen

„Für Comedy im landläufigen Sinne gibt es hier keinen Platz!“, stellt Lisa Politt klar. „Hier wird von unten nach oben gelacht und nicht umgekehrt.“ Tucholsky habe seinen viel zitierten Satz sowieso ganz anders gemeint: „Satire darf eben nicht alles“, sagt Politt. „Sie darf nicht plötzlich ihre Waffen nach unten richten. Das ist keine Satire, das ist Menschenverachtung.“ Comedy, hat Politt einmal presseöffentlich polemisiert, sei Kabarett ohne Hirn und habe die Form geklaut, dabei jedoch den Inhalt vergessen. „In allen gesellschaftlichen Dispositiven wird der gesellschaftliche Verlierer als der Superdepp dargestellt, der es einfach nicht besser verdient hat. Comedy macht dabei mit – und ich finde das zum Kotzen.“

Manchmal kippt ihr Zorn in anarchisches Lachen, wenn sie ihre Sicht auf die Welt zuspitzt, Zweifel daran, dass es ihr bitter ernst ist, lässt sie dabei jedoch nie. Ihre messerscharfe Analyse psychologischer Muster und politischer Verhältnisse malträtiert zielsicher und bitterböse Hirn, Herz und Lachmuskeln ihres Publikums – egal, ob sie von der Bühne herab mit dem Publikum oder aber im Foyer ihres Theaters über einen Tisch hinweg mit Gästen spricht. Sie versprüht Herzblut, Leidenschaft und vor allem brillianten Scharfsinn. Die 46-jährige studierte Psychologin fordert von ihrem Gegenüber Kontakt, Widerspruch, Auseinandersetzung. Auf der Bühne vergisst sie nicht, dass „du innerhalb eines politischen Kabaretts nicht die ganze Zeit über Politik reden kannst, denn sonst schnarcht das Publikum weg“. Sie weiß, und erinnert an Bertolt Brecht, dass die Form den Inhalt transportiert und dass die beste Form diejenige ist, die einen lustvollen, sinnlichen Kontakt zum Publikum knüpft. Mit Programmen wie „Rache“, „Marika Rökk und ich – eine Zwangsvorstellung“ oder „Vorläufiges Endergebnis“ hat Lisa Politt mit Gunter Schmidt immer wieder bewiesen, dass sie das Repertoire der pointierten Unterhaltung perfekt beherrscht.

Es gibt so viel weiblichen Humor …

Kein Wunder also, dass nun auch die Verleiher des Deutschen Kabarettpreises, das Nürnberger Burgtheater, entdeckt haben, dass Lisa Politts sprachliche Schärfe und intellektueller Witz auszeichnungswürdig sind: Am 10. Januar 2004 erhält die gebürtige Braunschweigerin und Wahlhamburgerin den Preis, der bislang ausschließlich Männern wie Matthias Beltz, Matthias Deutschmann oder Arnulf Rating vorbehalten war. Dass sie als erste Frau den Kabarettpreis, der seit 1984 verliehen wird, bekommt, freut und ärgert sie gleichermaßen: „Viele Leute fragen, ob ich den Preis kriege, weil ich eine Frau bin. Ich sage, wenn ich keine Frau wäre, hätte ich den schon viel eher gekriegt. So ‚rum wird ein Schuh daraus.“ Seit das Burgtheater Politt als künftige Preisträgerin benannt hat, werde ihr ständig die Frage nach der Existenz weiblichen Humors gestellt. „Klar“, sagt sie, „der Ort des Beschreibens richtet sich nach dem Ort, den ich innerhalb des hierarchischen Gefüges der Gesellschaft innehabe.“ Und damit es auch wirklich alle verstehen, setzt sie lachend nach: „Es gibt so viel weiblichen Humor wie männliche Arschlöcher.“ Aber Lisa wäre nicht Politt, wenn sie sich in die feministische Schublade einsperren ließe: „Wenn ich als Feministin meinen Blick nicht abstrahiere und auch auf andere Strukturen auch übertragbar mache, dann ist auch mein feministischer Blick nichts wert, oder sagen wir mal, er bleibt unpolitisch.“ Und unpolitisch, so Politt, sei höchstens ihr morgendliches Marmeladenbrötchen.

… wie männliche Arschlöcher

Politt und Schmidt verstehen sich als Teil des linken Netzwerkes, das seit Jahren gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung arbeitet. So treten sie auf Veranstaltungen der Sozialpolitischen Opposition in Hamburg auf, kritisieren auch abseits der Bühne öffentlich die Drogen- und Abschiebepolitik des Senats und unterstützen bereits seit 1996 jugendliche unbegeleitete Flüchtlinge in Jugendwohnungen der Arbeiterwohlfahrt, indem sie praktische Hilfe, Geldspenden und Vormundschaften für die Jugendlichen organisieren.

Bis 2005 läuft der Untermietvertrag noch, den Schmidt und Politt mit dem Schauspielhaus abgeschlossen haben. Bereits in den ersten Monaten glänzte das Polittbüro mit einem Programm, wie es so an keinem anderen Ort zu sehen ist: Einzigartig die Vers- und Kaderschmiede des konkret-Autors Thomas Ebermann; unvergesslich die szenische Ariel-Dorfmann-Lesung mit Rolf Becker, überaus hinreißend Komikerinnen wie die Betancor, Käthe Lachmann, Martina Brandl oder Janice Perry. Immer wieder verlockend so illustre Namen wie Hannelore Hoger, Franz-Josef-Degenhardt oder Doris Gercke. Dazwischen selbstverständlich Herrchens Frauchen und Lisa Politt solo. Der tägliche Gang ins Polittbüro garantiert die tief greifende Kur für den Kopf.

„Mein Standpunkt ist nicht gerade modern“, sagt Lisa Politt, „aber das ist sowieso das falsche Kriterium.“ Recht hat sie.

Tina Fritsche

Infos unter http://www.polittbuero.de. 19.12. – 21.12. und 25.12. – 30.12.: Best of Herrchens Frauchen (jeweils 20 Uhr. 12,50 Euro/ ermäßigt 10,00 Euro, jeweils 20 Uhr)

Quelle: ak – analyse + kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 479 / 19.12.2003

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