Aufgedeckte Muster – Herrchens Frauchen mit „Fühlt euch wie zuhause“ im Neuen Cinema

Anlässlich ihres 19-jährigen Bühnenjubiläums verwandeln Herrchens Frauchen das Neue Cinema am Steindamm in ihr Wohnzimmer und laden ein: „Fühlt euch wie zuhause“ ist nicht nur die zunächst freundschaftliche Aufmunterung der beiden GastgeberInnen, sondern war auch der Titel des allerersten Bühnenstücks, mit dem die beiden Musik-KabarettistInnen 1984 auf sich aufmerksam machten.

Bereits in jener grauen Vorzeit galt das Stück zu Recht als eine messerscharfe Betrachtung heterosexueller eheähnlicher Beziehungen. Gnadenlos werden da männliche und weibliche Krisenreaktionsmuster aufgedeckt: Die Melzers liefern sich einen Beziehungskrieg vom feinsten: Claus (Gunter Schmidt), der gescheiterte Musiker, der es nur zum fischig-coolen Werbetexter brachte und dessen Gefühlswelt irgendwo zwischen Wackerstein und Wüste zu Hause ist; Evelyn (Lisa Politt), studierte Sozialpädagogin, die als friedensbewegte Hausfrau und Mutter in emotionaler Einsamkeit und Zwanghaftigkeit versinkt.

Es tut fast schon am eigenen Körper weh, wenn man Lisa Politt dabei erlebt, wie sie verzweifelt zwischen Mordgelüsten, Alkohol und dem Bemühen, eine gute Gastgeberin zu sein, oder ihren Gatten vergeblich um Zärtlichkeit und Nähe anfleht. Der erklärt den Gästen ungerührt und in völlig verquerer Übergründlichkeit die Funktionsweise seiner Zittertaler Pedal-Harfe.

Nicht nur textlich ist dieses Erstlingswerk äußerst treffsicher. Auch die schauspielerische Leistung ist famos. Immer wieder laufen die Szenen wie in Stereo ab: Während Evelyn auf der einen Bühnenseite einen Nervenzusammenbruch erleidet, bemüht sich Claus auf der anderen Seite, mit Anekdoten die Gäste zu unterhalten und geht dabei bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen. Spätestens hier wird klar, das Fühlt euch wie zuhause eher als Drohung, denn als nette Einladung zu verstehen sein könnte.

So bitterböse und grausam das Ganze ist – Herrchens Frauchen wären nicht Herrchens Frauchen, wenn das alles nicht auch zum Schreien komisch wäre: ein Witz, der nicht auf Kosten Dritter geht. Und es passt auch, dass das Stück zum Jubiläum im Neuen Cinema stattfindet: Das nämlich zeigt sich als überaus geeignete kleine, feine Kabarettbühne und trägt wesentlich bei zur nötigen Atmosphäre.

DIRK SEIFERT

bis zum 8. Juni tägl. außer Mo., 20 Uhr, Neues Cinema
taz Hamburg Nr. 7066 vom 30.5.2003, Seite 23, 81 Zeilen (Kommentar), DIRK SEIFERT,

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