Kur für den Kopf – Lisa Politts linke Sprech- und Bühnenkunst

Haste schon unterschrieben?“ Die schmale Frau wirft einen auffordernden Blick über den Tresen und deutet auf die Unterschriftenliste für den Erhalt der Drogenhilfeeinrichtung Fixstern. Die meisten Gäste wissen, dass die nachdrückliche Schokoriegelverkäuferin keine andere ist als Lisa Politt. Seit vier Monaten führt die scharfzüngige Kabarettistin gemeinsam mit ihrem langjährigen Bühnen- und Lebenspartner Gunter Schmidt Hamburgs charmantestes Haus für linke Sprech- und Bühnenkunst. Im Hinterland des Hamburger Hauptbahnhofs fanden Politt und ihr Kompagnon Schmidt ihr Eldorado. Das ehemalige Kino Neues Cinema diente dem Deutschen Schauspielhaus als Nebenspielstätte, bis im April 2003 der Betrieb eingestellt wurde. Für Politt und Schmidt, die seit beinahe 20 Jahren als Kabarettduo „Herrchens Frauchen“ durch die deutschsprachige Kleinkunstlandschaft zogen, bot sich die Gelegenheit zur Sesshaftigkeit. Sie griffen zu und möbelten gemeinsam mit zahlreichen SympathisantInnen das abgewetzte Filmtheater zur kleinen, feinen Kabarettbühne auf. Als das Polittbüro am 1. September die erste Spielzeit einläutete, präsentierte es sich dem Publikum mit original türkisfarbener Kinobestuhlung und frisch gestrichenem Foyer. KabarettkollegInnen von Aprillfrisch über Fanny Müller und Nessi Tausendschön bis hin zu Corny Littmann unterstützten mit ihrem Auftritt den mutigen Schritt, in Zeiten der ewig propagierten Krise auf politisch motiviertes Theater zu setzen.

Zorn und anarchisches Lachen

„Für Comedy im landläufigen Sinne gibt es hier keinen Platz!“, stellt Lisa Politt klar. „Hier wird von unten nach oben gelacht und nicht umgekehrt.“ Tucholsky habe seinen viel zitierten Satz sowieso ganz anders gemeint: „Satire darf eben nicht alles“, sagt Politt. „Sie darf nicht plötzlich ihre Waffen nach unten richten. Das ist keine Satire, das ist Menschenverachtung.“ Comedy, hat Politt einmal presseöffentlich polemisiert, sei Kabarett ohne Hirn und habe die Form geklaut, dabei jedoch den Inhalt vergessen. „In allen gesellschaftlichen Dispositiven wird der gesellschaftliche Verlierer als der Superdepp dargestellt, der es einfach nicht besser verdient hat. Comedy macht dabei mit – und ich finde das zum Kotzen.“

Manchmal kippt ihr Zorn in anarchisches Lachen, wenn sie ihre Sicht auf die Welt zuspitzt, Zweifel daran, dass es ihr bitter ernst ist, lässt sie dabei jedoch nie. Ihre messerscharfe Analyse psychologischer Muster und politischer Verhältnisse malträtiert zielsicher und bitterböse Hirn, Herz und Lachmuskeln ihres Publikums – egal, ob sie von der Bühne herab mit dem Publikum oder aber im Foyer ihres Theaters über einen Tisch hinweg mit Gästen spricht. Sie versprüht Herzblut, Leidenschaft und vor allem brillianten Scharfsinn. Die 46-jährige studierte Psychologin fordert von ihrem Gegenüber Kontakt, Widerspruch, Auseinandersetzung. Auf der Bühne vergisst sie nicht, dass „du innerhalb eines politischen Kabaretts nicht die ganze Zeit über Politik reden kannst, denn sonst schnarcht das Publikum weg“. Sie weiß, und erinnert an Bertolt Brecht, dass die Form den Inhalt transportiert und dass die beste Form diejenige ist, die einen lustvollen, sinnlichen Kontakt zum Publikum knüpft. Mit Programmen wie „Rache“, „Marika Rökk und ich – eine Zwangsvorstellung“ oder „Vorläufiges Endergebnis“ hat Lisa Politt mit Gunter Schmidt immer wieder bewiesen, dass sie das Repertoire der pointierten Unterhaltung perfekt beherrscht.

Es gibt so viel weiblichen Humor …

Kein Wunder also, dass nun auch die Verleiher des Deutschen Kabarettpreises, das Nürnberger Burgtheater, entdeckt haben, dass Lisa Politts sprachliche Schärfe und intellektueller Witz auszeichnungswürdig sind: Am 10. Januar 2004 erhält die gebürtige Braunschweigerin und Wahlhamburgerin den Preis, der bislang ausschließlich Männern wie Matthias Beltz, Matthias Deutschmann oder Arnulf Rating vorbehalten war. Dass sie als erste Frau den Kabarettpreis, der seit 1984 verliehen wird, bekommt, freut und ärgert sie gleichermaßen: „Viele Leute fragen, ob ich den Preis kriege, weil ich eine Frau bin. Ich sage, wenn ich keine Frau wäre, hätte ich den schon viel eher gekriegt. So ‚rum wird ein Schuh daraus.“ Seit das Burgtheater Politt als künftige Preisträgerin benannt hat, werde ihr ständig die Frage nach der Existenz weiblichen Humors gestellt. „Klar“, sagt sie, „der Ort des Beschreibens richtet sich nach dem Ort, den ich innerhalb des hierarchischen Gefüges der Gesellschaft innehabe.“ Und damit es auch wirklich alle verstehen, setzt sie lachend nach: „Es gibt so viel weiblichen Humor wie männliche Arschlöcher.“ Aber Lisa wäre nicht Politt, wenn sie sich in die feministische Schublade einsperren ließe: „Wenn ich als Feministin meinen Blick nicht abstrahiere und auch auf andere Strukturen auch übertragbar mache, dann ist auch mein feministischer Blick nichts wert, oder sagen wir mal, er bleibt unpolitisch.“ Und unpolitisch, so Politt, sei höchstens ihr morgendliches Marmeladenbrötchen.

… wie männliche Arschlöcher

Politt und Schmidt verstehen sich als Teil des linken Netzwerkes, das seit Jahren gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung arbeitet. So treten sie auf Veranstaltungen der Sozialpolitischen Opposition in Hamburg auf, kritisieren auch abseits der Bühne öffentlich die Drogen- und Abschiebepolitik des Senats und unterstützen bereits seit 1996 jugendliche unbegeleitete Flüchtlinge in Jugendwohnungen der Arbeiterwohlfahrt, indem sie praktische Hilfe, Geldspenden und Vormundschaften für die Jugendlichen organisieren.

Bis 2005 läuft der Untermietvertrag noch, den Schmidt und Politt mit dem Schauspielhaus abgeschlossen haben. Bereits in den ersten Monaten glänzte das Polittbüro mit einem Programm, wie es so an keinem anderen Ort zu sehen ist: Einzigartig die Vers- und Kaderschmiede des konkret-Autors Thomas Ebermann; unvergesslich die szenische Ariel-Dorfmann-Lesung mit Rolf Becker, überaus hinreißend Komikerinnen wie die Betancor, Käthe Lachmann, Martina Brandl oder Janice Perry. Immer wieder verlockend so illustre Namen wie Hannelore Hoger, Franz-Josef-Degenhardt oder Doris Gercke. Dazwischen selbstverständlich Herrchens Frauchen und Lisa Politt solo. Der tägliche Gang ins Polittbüro garantiert die tief greifende Kur für den Kopf.

„Mein Standpunkt ist nicht gerade modern“, sagt Lisa Politt, „aber das ist sowieso das falsche Kriterium.“ Recht hat sie.

Tina Fritsche

Infos unter http://www.polittbuero.de. 19.12. – 21.12. und 25.12. – 30.12.: Best of Herrchens Frauchen (jeweils 20 Uhr. 12,50 Euro/ ermäßigt 10,00 Euro, jeweils 20 Uhr)

Quelle: ak – analyse + kritik – Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 479 / 19.12.2003

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